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Thursday, November 23rd, 2017
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Nein, für den Rekord des längsten Albumtitels der Pop-Geschichte hat es dann doch nicht ganz gereicht. Den hat immer noch die britische Band Chumbawamba inne, die 2008 eine Platte veröffentlichte, deren Kurztitel "The Boys Have Won" sich in der offiziellen Version auf 865 Zeichen erweitert. Und dennoch, mit "Lovebrain's Rose of Agra, Stringlane and Diskotäschchen, Mount Blakelock und die Orden der Nacht, supported by 85/86 CC, unspoken Space at Kreuz Giesing" (Gutfeeling Records) dürfte Mathias Götz sich zumindest im vorderen Drittel dieses Wettbewerbs festgesetzt haben - und der Preis für den krudesten Bandnamen im Jahr 2017 ist ihm mit Lovebrain and Diskotäschchen sowieso schon sicher.

Dabei geht es hier ja eh nicht um Preise und Rekorddimensionen. Lovebrain and Diskotäschchen, das ist für den Münchner Posaunisten vielmehr eine Herzensangelegenheit, ein Projekt, mit dem er sich in bester Begleitung durch ältere Stücke einer Karriere spielt, die nach gescheiterten Major-Label-Träumen wie mit der Pop-Band Weiter und strapazierenden Parallel-Engagements bei unzähligen Bigbands erst mit Götz' Engagement bei Micha Achers Alien Ensemble in einen sicheren Hafen einläuft.

Hier, im Label- und Kreativ-Kosmos der Brüder Acher und ihrer Band The Notwist, findet der studierte Jazzer ein Umfeld und ein Auskommen, das ihm einen kreativen Schub versetzt, der 2015 in seinem Debüt als Le Millipede mündet. Wo sich Götz auf selbigem noch solo zwischen Posaune, Laien-Beatboxing und einer Fülle an perkussiven Elementen austobt, liegt der Zauber von Lovebrain and Diskotäschchen im Zusammenspiel eines Instrumentariums, das mit leicht rumpeligem Charme kammermusikalisches Flair und jazzige Improvisation vereint.

Komplett live aufgenommen, fügen sich da die tiefen Basstuba-Töne aus Micha Achers Sousafon und Götz' ebenso unprätentiöses wie geschmeidiges Posaunenspiel zu einer Musik zusammen, der Evi Keglmaier und Andreas Höricht an den Bratschen sowie Maria Hafner an der Geige einen mitunter elegischen Anstrich verpassen - und die sich doch, nicht zuletzt dank Notwist-Drummer Andy Haberl, immer wieder als rhythmisch zupackend, ja tanzbar erweist.

Und klar, in eben dieser Vielfalt liegt auch eine besondere Stärke dieser musikalischen Retrospektive, die von trunkenem New-Orleans-Jazz über dramatische Horror-Filmmusik-Versatzstücke bis hin zur perkussiv geprägten und crescendoartig angebahnten Komplettentfesselung ein ungemein breites Spektrum abdeckt. Kurzum: ein wunderbar kurzweiliges und hörenswertes Album, dessen verspielter Live-Charme ohne jedes Produktions-Geprotze auskommt. Von Albumtitel-Rekorden ganz zu schweigen.
Martin Pfnür Süddeutsche Zeitung 05/17

Hörprobe:
https://soundcloud.com/gutfeeling-records/lovebrain-and-diskotaschchen-sara-gluck